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Die Geschichte von Bornum geht weiter - Seite 3


Seit diesem Tag war seine Mutter anders geworden, so wie eben im Zug. Marten spürte, dass etwas nicht stimmte, dass etwas passiert sein musste. „Komm her, mein kleiner Mann“, meinte Vandea und nahm ihn auf den Arm. Er war schwer geworden und fürs Tragen eigentlich viel zu groß, doch sie wollte ihn jetzt spüren und ganz nah bei sich haben. Ihr Herz raste immer noch bei dem Gedanken an das, was vor wenigen Tagen passiert war und an das, was sie vorhin gesehen hatte. Sie können also wirklich kein Tageslicht vertragen, das war gut. Doch wie viele waren sie? Wie stark waren sie organisiert? Und warum war ihr Blut für sie gefährlich? Sie musste Marten in den Kindergarten bringen und dann würde sie zu einem Arzt fahren und ihr Blut untersuchen lassen. Eventuell musste sie auch noch mal mit ihrem Vater reden.

Sie seufzte leise und blies dabei eine Strähne aus ihrem Gesicht. Marten kicherte leise, da ihn die Strähne kitzelte. Er kniff die Augen zusammen und lächelte. Es war das Schönste seit Tagen, was sie sah. Es gab ihr Kraft, Mut und Hoffnung. Für Marten würde sie kämpfen. Vielleicht sollte sie jetzt auf den Rat ihrer Eltern hören und zu ihnen ziehen. Marten gefiel es dort sowieso schon und er könnte dort auch nach den Ferien zur Schule gehen. So weit war es nicht weg und da sie sich eh einen neuen Job suchen musste. Das würden sie schon schaffen. Bei ihren Eltern hätte sie Ruhe, Geborgenheit und Schutz. Alles, was sie jetzt gerade brauchte. Langsam dämmerte ihr, dass ihr Vater mit seinen Gutenachteschichten vielleicht doch teilweise recht gehabt hatte. Es gab Monster, aber es gab auch welche, die gegen die Monster kämpften.

„So, dann mach es gut. Ich hole dich nachher wieder ab, okay Großer?“ „Ja, bis später“ Sie winkte ihm und ging dann zur Tür. Marten kam ihr noch bis zur Tür hinterher und presste sein Gesicht an die Scheibe. Er winkte ihr zu und sie winkte zurück. Dann verschwand sie um die nächste Ecke und sofort war die Angst wieder da. Panik umfing sie und ihre Hände fingen an zu zittern, ihr Herz raste. Sie schloss sekundenlang die Augen und versuchte sich zu beruhigen. „Es ist Tag“ flüsterte sie leise und öffnete die Augen wieder. Sie war wieder ruhiger, konnte einen Arzt aufsuchen und würde dann Marten wieder vom Kindergarten abholen. Alles wird gut.

Bornum war inzwischen in den Teil der U-Bahn Tunnel geflohen, der nicht mehr benutzt wurde. Hier hatte er Ruhe, war es dunkel, konnte er schlafen. Nach Hause kam er diese Nacht nicht mehr. Natürlich könnte er in die Nähe kommen – doch es fehlte ihm an Kraft. Er ließ sich zu Boden sinken und zog seine Hände aus den Taschen. Sie heilten schon und forderten seine letzten Kraftreserven heraus. Er brauchte Blut! Er schnupperte und roch etwas, leicht angeekelt zog er die Augen zusammen und seufzte dann leise.

„Wenn es sein muss“ murmelte er schwach und Sekunden später hatte er mit den letzten Kraftreserven seine Position gewechselt und schlug seine spitzen Zähne in die Ratte. Er trank ihr Blut, saugte sie aus bis auf den letzten Tropfen. Angeekelt warf er den leeren Kadaver beiseite und ließ sich zurücksinken. Das Rattenblut verteilte sich in seinem Körper, es war wie ein Tropfen auf einen heißen Stein, er wollte mehr. Sein Vampir gierte nach mehr! Er roch die nächste, vollzog wieder seine Überraschungsnummer und hieb seine Zähne in das vor Unrat stinkende Tier.

Hatte er all seinen Anstand verloren? War er nicht mal ein gut aussehender, immer modern gekleideter Anwalt gewesen? Anwärter auf den nächsten Staatsanwalt? Immer darauf bedacht sauber, fein und edel zu wirken. Der Helfer der Armen, Retter der Verlorenen. Und was war er jetzt? Er krabbelte durch den Untergrund und trank das Blut verdreckter Ratten. Er war tief gesunken, ganz tief. Und an all dem war sein Mentor schuld. Er hatte ihn zu dem gemacht, was er war, er hatte ihn zu einem Vampir gemacht, einem Untoten, einem nach Blut gierenden Monster. Er hasste sich und alles um ihn herum.

Nach der 10. Ratte war sein Durst halbwegs gestillt und er konnte sich beherrschen nicht noch mehr zu töten. Er hatte nicht gewusst, dass das Blut von Tieren ihn auch befriedigen würde. Sein Mentor hatte ihn von Anfang an eingetrichtert, dass sie Menschenblut benötigen, um zu überleben. Dass der Drang, das Verlangen nach diesem Sanft ihr ein uns alles war und er nie versiegen würde. Natürlich war der Gedanke daran, dass er gerade Rattenblut getrunken hatte, widerlich. Doch es funktionierte, er fühlte sich satt und seine Hände würden bis zum Einbruch der Nacht wieder fast komplett verheilt sein.

Jetzt hatte er Zeit zu denken, oder sollte er lieber versuchen, etwas zu schlafen? Nein, das war zu gefährlich. Falls doch einer vorbeikommen würde – man weiß ja nie – würde er schlafend ein leichtes Opfer darstellen. Somit musste er wohl wach bleiben. Für einen Vampir kein Problem, denn das Verlangen nach Schlaf kannten sie nicht. Vielmehr ruhten sie nur und schonten ihre Kräfte, wenn sie in ihren Särgen lagen. Ein ruhender Vampir verbrauchte nicht so viel Blut, wie ein lesender oder arbeitender. Sie waren zu viele und die Blutvorräte würden bald knapp werden, wenn sie tagsüber auch noch arbeiten würden. Von daher beschränkten sie sich darauf, den Tag über ruhend in ihrem Sarg zu verbringen, ihre Kräfte zu schonen oder neu aufzubauen. Diesen Luxus wollte Bornum sich diesen Tag nicht gönnen – konnte er auch nicht.

Er hockte sich hin, streckte die Beine aus und dachte nach. Was spielten die Frau und ihr Sohn für eine Rolle. Waren sie Freund oder eher Feind? Wo stand er? Laut seinem Mentor befand er sich noch in Ausbildung, allerdings hatte sein Mentor ihn seit ein paar Tagen nicht mehr besucht – war er also fertig? Konnte er seine Rolle endlich annehmen? Nach Außen hin – also zur Welt der Lebenden – die Interessen der Vampirgemeinschaft vertreten und Verträge aushandeln? Oder sollte er nur als Richter fundieren um Streit unter den anderen Vampiren zu schlichten? Natürlich immer, ohne sich preiszugeben. Oder kam es doch anders? Wer konnte das schon wissen. Heute Nacht musste er seinen Mentor suchen, doch erst musste er den Tag überstehen.

Die Züge ratterten im Gleichtakt an ihm vorbei und erst als sich keine Ratten mehr in seine Nähe trauten, zog er weiter. Tiefer rein in den Untergrund. Er verstand nicht, warum die anderen Vampire hier nicht ihr Lager aufgeschlagen haben. Warum sie in Häusern wohnten, immer mit dem Risiko, gefunden zu werden. Wahrscheinlich damit der Weg zum frischen Blut nicht so weit war. Er schüttelte sich leicht – es hatte ihm von Anfang an widerstrebt, Blut zu trinken. Er tat den nächsten Schritt und blieb stehen. Seine Nackenhaare stellten sich auf, seiner Kehle entrang ein tiefes Knurren. Er konnte das nicht steuert, immer wenn er sich in Gefahr befand, übernahmen die Instinkte des Vampirs. Jetzt war so eine Situation – aber hier unten? Was konnte hier gefährlich werden? Menschen? Eventuell Penner? Blut! Energie!


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